Sein Vermächtnis: Solidarität, Engagement und Respekt
Abschied von Marc Devaud
Der seit 2018 amtierende Generaldirektor Marc Devaud übergibt die Leitung des HFR Ende Februar an seinen Nachfolger Philipp Müller. Zeit also für einen Blick zurück auf diese ereignisreichen sieben Jahre, in denen ihm zwischen COVID-19, der Inflation, der zunehmenden Komplexität des Gesundheitswesens und der Volksabstimmung wenig erspart geblieben ist.
«Entschuldige die Verspätung.» Es ist 8.06 Uhr. Sechs läppische Minuten, würde man denken. «Ich mag es nicht, unpünktlich zu sein», stellt Marc Devaud gleich klar. Denn wie sagt man so schön: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.
Ende Februar gibt Marc Devaud nach sieben Jahren an der Spitze des HFR den Stab weiter an seinen Nachfolger. Ein Teil von ihm hat dabei doch ein wenig das Gefühl, das Schiff im Stich zu lassen: «Ich hänge an diesem Spital. Aber es liegen sieben sehr komplizierte Jahre hinter mir. Ich brauche dringend Ferien!» Er spielte mit dem Gedanken, Antidepressiva zu nehmen, und wird nun «eine Pause von den Menschen machen» (diese Formulierung hat er irgendwo aufgeschnappt und findet sie sehr zutreffend). Denn obwohl er ein solidarischer Mensch ist, ist er von Natur aus eher ein Einzelgänger. «Gerne möchte ich drei Monate lang alleine wegfahren, weg von der Welt. Wohl in die Berge.»
Der Wendepunkt kam Ende 2022: Damals spielte er zum ersten Mal mit dem Gedanken, von seinem Recht Gebrauch zu machen, frühzeitig in den Ruhestand zu treten. Bei seinem Amtsantritt vier Jahre zuvor hatte er das Imageproblem des HFR (im Nachgang an zwei Audits), den Wiederaufbau der Direktion und dann die Pandemie mit ihren anhaltenden Herausforderungen zu bewältigen. Er glaubte, sich nun endlich dem finanziellen Gleichgewicht des HFR widmen zu können. Doch dann kamen die Inflation und die Indexierung der Löhne.
An sich ist die Indexierung der Löhne natürlich eine gute Sache. Nur, dass diese vom Staat beschlossene beachtliche Lohnerhöhung quasi ausschliesslich vom HFR getragen werden sollte. Weitere inflationsbedingte Kostenerhöhungen trugen nicht zur Entspannung der Lage bei. «Mir war sofort klar, dass die kommenden Jahre kein Spaziergang werden würden. Tariferhöhungen, sofern sie denn zustande kommen, würden bei weitem nicht ausreichen. Mir war auch klar, dass es an uns liegen würde, eigenständig nach Lösungen zu suchen und noch intensiver an unserer Effizienz zu arbeiten. Und das alles in einem Tempo, das für die Mitarbeitenden auf der menschlichen Ebene nachvollziehbar bleibt. Ich hatte aber befürchtet, dass dies nicht ausreichen würde.»
Und so kam es auch. Weder die Tarife, noch die staatliche Unterstützung oder die ergriffenen Effizienzmassnahmen konnten die Auswirkungen der Inflation und der Lohnindexierung abfedern. «Und gegenwärtig verlangt der Staat von uns, dass wir bis 2028 ein finanzielles Gleichgewicht erreichen. Um dies zu erreichen, werden wir Entscheidungen treffen müssen, die bestimmt nicht einfach und dem Personal und der Bevölkerung oft nicht leicht zu vermitteln sind. Langsam nagt das an meinen Werten und ich muss mir eingestehen, dass ich an einem Punkt angelangt bin, an dem ich nichts mehr beitragen kann.»
Auch das Gesundheitswesen stosse an seine Grenzen, meint er. «Man verlangt vom Gesundheitswesen Business zu betreiben mit ungleich langen Spiessen. Es ist derart komplex, dass es Expertinnen und Experten braucht, um das System zu verstehen und zum Funktionieren zu bringen – und das auf Kosten der Basis, der Pflege also.»
Doch ohne Pflegepersonal gibt es kein Spital. Eine Selbstverständlichkeit, die Marc Devaud nicht genug betonen kann. «Es war mir immer wichtig, dass die Mehrheit der Leute (alle werden es nie sein) gerne zur Arbeit kommt. Unser Leben ist kompliziert genug, die Zeiten sind alles andere als rosig.» Marc Devaud hat die Menschen stets in den Mittelpunkt seines Engagements gerückt. Sie waren es, die ihm als Direktor Energie gaben. «Ich schaute gerne in den Abteilungen vorbei», verrät er. «Dann wusste ich, wofür ich arbeite.»
Für sie alle, aber auch für die Freiburger Bevölkerung. Einer der Höhepunkte seiner Karriere war der HFR-Roadtrip im Jahr 2022. «Ich habe viel gelernt. Kamen die Leute zu uns an den Stand, waren sie oft aggressiv. Nach unserem Gespräch zogen sie weiter und waren zwar nicht immer der gleichen Meinung, aber dafür sehr viel weniger aggressiv. Denn Kommunikation ist das A und O.»
Er räumt ein, dass die Kommunikation heute erschwert wird, denn «die Menschen informieren sich über die sozialen Netzwerke und haben ihr Vertrauen in die Regierungen und in die Medien verloren. Aber ans Aufgeben ist nicht zu denken. Wir müssen uns immer erklären. Ich denke mir, wenn ich mich noch mehr bemüht hätte zu erklären, hätten wir möglicherweise die Abstimmung vom vergangenen Juni für eine bürgernahe 24-Stunden-Notfallversorgung verhindern können.
Marc Devaud versteht die Ängste der Bevölkerung. «Dieses Spital, insbesondere das Kantonsspital, und die Bevölkerung leben eine Hassliebe. Die Bevölkerung braucht das Spital, spricht gerne über es, kritisiert es aber auch. Damit muss man leben. Wenn etwas im Spital nicht gut läuft, bereitet das allen Sorgen, da es wichtig ist. Diese Wichtigkeit war es auch, die mich motiviert hat, Lösungen zu finden.»
Das HFR und seine Menschen werden ihm natürlich fehlen. Nicht fehlen hingegen wird ihm, die Werte des Spitals den Menschen einbläuen zu müssen, die diese nicht umsetzen. «Es war manchmal ermüdend, gewissen Leuten klarmachen zu müssen, dass sie als Team arbeiten sollten, anstatt egoistisch und isoliert zu handeln, oder jemandem erklären zu müssen, was Respekt bedeutet!»
Noch spricht er in der Gegenwartsform. Ein paar Tage vor seinem Ruhestand ist Marc Devaud noch voll dabei. «Ich weiss, dass ich loslassen werde, aber jetzt gelingt mir das noch nicht.» Deshalb kann er auch auf die Frage, wo er sich in fünf Jahren sieht, keine Antwort geben. «Ich habe absolut keine Ahnung! Ich hoffe, dass ich gesund sein werde.»
Nach seiner dreimonatigen Auszeit plant er eine Rückkehr aus der Abgeschiedenheit, um vielleicht hier und da ein Mandat anzunehmen, dabei aber dennoch genug Zeit für sich zu haben. «Wenn ich ein Problem von allgemeinem Interesse sehe, bin ich gerne bereit, nach Lösungen zu suchen oder mich einzubringen. Die Aufgabe muss aber sinnstiftend sein. Manchmal komme ich mir albern vor. Dann sage ich mir: ‹Marc, du machst dir das Leben schwer›. Aber das liegt in meiner Natur, man hat die Leidenschaft für etwas oder eben nicht.»
Sein Vermächtnis ans HFR sind Solidarität, Engagement und Respekt. Drei Werte, die er mitnimmt in den neuen Lebensabschnitt.
Zusammen mit dem Restbestand an Sugus und Vieille Prune – seinen Geheimwaffen, die immer mal wieder zum Einsatz kamen, wenn sich jemand gegen Veränderungen stemmte.
Wir wünschen Marc Devaud alles Gute.
Vision oder Mission?
Beide, ganz klar. Die Vision ermöglicht es, der Mission einen Sinn zu geben.
Vorbereitet sein oder improvisieren?
Vorbereitet sein. Ich bin eher der Typ, der vorausschauend handelt, das ist mein Leitmotiv.
Utopist oder Realist?
Beides! Ich bin ein Idealist, der mit beiden Beinen am Boden steht.
Facebook oder Insta?
Weder noch. Ich bin nicht in den sozialen Netzwerken unterwegs. Vielleicht in Zukunft.
Raclette oder Fondue?
Ich mag beides, übers Jahr gesehen esse ich aber häufiger Fondue.
Morgen- oder Abendmensch?
Von Natur aus bin ich eher ein Abend-, von Berufs wegen aber eher ein Morgenmensch.
Hund oder Katze?
Katze. Aktuell habe ich aus Zeitmangel aber keine Katze mehr.
Marc Devaud ist seit dem 1. Juli 2018 Generaldirektor des HFR und leitet die öffentliche Freiburger Spitalinfrastruktur, die 3800 Mitarbeitende beschäftigt und mit dem HFR Freiburg – Kantonsspital, dem HFR Meyriez-Murten, dem HFR Riaz und dem HFR Tafers über vier vernetzte Standorte verfügt.
Nach seiner Ausbildung zum Pflegefachmann arbeitete Marc Devaud einige Jahre am Kantonsspital Freiburg. In der Folge wechselte er in die Informatik und war auch in diesem Bereich einige Jahre für das Kantonsspital tätig.
Danach wechselte er in die Privatwirtschaft und war von 1995 bis 1999 stellvertretender Direktor der Klinik Garcia. Nach einem Abstecher in die Krankenpflegeschule als IT-Verantwortlicher und Lehrer kehrte er 2001 als Projektleiter ans Kantonsspital Freiburg zurück. Bei der Gründung des HFR im Jahr 2007 übernahm er zunächst die Leitung der Abteilung Projekte und Entwicklung, dann die Leitung des Departements Informatik und Projekte. Zwischen 2012 und 2015 war er Direktor Verwaltung und Organisation, bis er 2016 zum Direktor Informationssysteme und Projekte ernannt wurde. Zweimal (2015/2016 sowie Anfang 2018) übernahm er zudem interimistisch die Funktion als Generaldirektor.